Trennung vom süchtigen Partner:

Wenn du merkst, dass du an zweiter Stelle stehst

Bei einer Trennung vom süchtigen Partner taucht fast immer dieselbe Frage zuerst auf, so banal sie klingt: Ist die Sucht wichtiger als ich?

Bei einer Trennung vom süchtigen Partner geht es fast nie zuerst um Fakten. Die Fakten kennst du längst – wie oft getrunken wurde, wie viele Versprechen gebrochen sind. Was dich wirklich lähmt, ist die Frage, was das über dich und eure Beziehung aussagt.

Meine Erfahrung aus der Forensik, später aus Suchtkliniken, hat mir eins gezeigt: Sucht verzerrt fast alles, auch eine Liebe, die echt sein kann. Das erklärt nicht, warum du bleibst. Es zeigt nur, wogegen du eigentlich ankämpfst.

Trennung vom süchtigen Partner: Was Sucht mit eurer Beziehung macht

Sucht stellt sich selbst an die erste Stelle. Das Suchtmittel bekommt im Gehirn Vorrang, noch vor Beziehung, Job, manchmal vor der eigenen Gesundheit. Das hat wenig mit Liebe zu tun, eher mit einem Gehirn, das umgelernt hat, was gerade überlebenswichtig scheint.

Was daraus in der Beziehung entsteht, kenne ich aus vielen Gesprächen. Du übernimmst Aufgaben, die eigentlich nicht deine sind. Du entschuldigst dein:e Partner:in bei Freunden, erfindest Ausreden für die Arbeit, gleichst Schulden aus, bevor sie jemand bemerkt. Jedes Mal fühlt sich das wie Hilfe an. Tatsächlich hält es die Sucht am Laufen – dein:e Partner:in spürt die Konsequenzen des eigenen Konsums nie richtig, weil du sie abnimmst.

Fachleute nennen das Co-Abhängigkeit: eine Verstrickung, bei der sich dein Alltag am Konsum deines Gegenübers ausrichtet, nicht mehr an deinen eigenen Bedürfnissen. Bei einer Trennung vom süchtigen Partner ist das oft der Punkt, an dem klar wird, wie weit sich die Beziehung von dem entfernt hat, was du eigentlich wolltest.

Der Blick auf dich selbst: Warum gerade dieser Mensch?

Es gibt eine zweite Frage, die schwerer wiegt als die erste, und die viele nicht gerne stellen: Warum du. Warum ausgerechnet ein Mensch, der dir nicht guttut.

Manchmal ist das Zufall. Ein Mensch verliebt sich, merkt erst später, wie tief der Konsum sitzt. Bei anderen wiederholt sich etwas: eine frühere Beziehung, ein Elternteil, ein Muster aus der Kindheit, in dem Kümmern und Lieben dasselbe waren. Genaues Hinsehen bringt hier mehr als Selbstvorwürfe.

Frag dich: Fühlst du dich gebraucht, wenn du hilfst? Fällt dir das Sorgen für andere leichter als das Sorgen für dich selbst? Solche Muster wurden irgendwo gelernt. Sie lassen sich auch wieder verlernen, sobald du sie siehst.

Es gibt noch eine Verschiebung, die selten ausgesprochen wird. Irgendwann hast du vielleicht nicht mehr nur das Gefühl, dass dein:e Partner:in eine Substanz konsumiert, sondern auch dich: deine Energie, deine Geduld, deine Zeit, ohne dass viel zurückkommt.

Deine Verantwortung liegt nicht darin, die Sucht verursacht zu haben. Sie liegt darin, zu erkennen, was dich in dieser Beziehung hält – und was du verändern kannst, unabhängig davon, was dein:e Partner:in tut.

Woran du merkst, dass es Zeit ist zu gehen

Es gibt keine Liste, die eine Trennungsentscheidung für dich trifft. Ein paar Anzeichen wiegen aber schwerer als andere.

Erstens: Versprechen wiederholen sich, ohne dass sich etwas ändert. Das letzte Mal war schon oft das letzte Mal.

Zweitens: Dein:e Partner:in erkennt kein Problem an, oder erkennt es an und unternimmt trotzdem nichts – keine Beratung, keine Therapie, keinen ernsthaften Versuch.

Drittens: Du merkst, dass du selbst kleiner wirst. Weniger Freunde, weniger eigene Interessen, mehr Kontrolle, mehr Sorgen, weniger von dem, was dich eigentlich ausmacht.

Viertens: Geld, Sicherheit oder Gesundheit von dir oder gemeinsamen Kindern stehen auf dem Spiel.

Zur Frage, ob dein:e Partner:in überhaupt lieben kann, während die Sucht aktiv ist: Ich glaube, ja, in vielen Fällen. Nur eben nicht zuverlässig, nicht so, wie du es gerade brauchst. Die Sucht schiebt sich vor jedes Gefühl, auch vor echte Liebe. Die Liebe kann echt sein. Trotzdem trägt sie im Moment keine gesunde Beziehung.

Wie du dich löst, ohne dich schuldig zu fühlen

Schuldgefühle gehören zu einer Trennung vom süchtigen Partner fast immer dazu. Du hast versprochen, für diesen Menschen da zu sein, und jetzt gehst du, vielleicht genau in dem Moment, in dem die Not am größten ist. Trotzdem gilt: Du bist nicht dafür verantwortlich, dass dein:e Partner:in clean wird oder bleibt. Diese Aufgabe kann dir niemand abnehmen, und du kannst sie niemandem abnehmen.

Ein paar Dinge helfen beim eigentlichen Schritt.

Sprich die Trennung an, wenn dein:e Partner:in nüchtern ist, nicht mitten im Konsum oder direkt danach. Was in diesem Zustand gesagt wird, kommt selten an.

Formuliere klar. Ich gehe wirkt anders als Wenn du nicht aufhörst, dann. Die zweite Version klingt nach einem letzten Versuch, dein:e Partner:in doch noch zur Veränderung zu bewegen. Das ist sie meistens auch, und genau das hält Menschen oft noch Monate oder Jahre in einer Beziehung, die sie eigentlich schon beendet hätten.

Kündige nur an, was du auch wirklich durchziehst. Eine Trennung, die immer wieder zurückgenommen wird, verliert ihre Bedeutung, für dich und für dein:e Partner:in.

Und hol dir für diesen Schritt selbst Unterstützung. Allein ist er für die meisten schwerer zu tragen, als er sein müsste.

Was danach passiert

Die Trennung ist selten der Schlusspunkt, den sie sein sollte. Bei einer Trennung vom süchtigen Partner kommt oft noch eine Phase danach, auf die kaum jemand vorbereitet ist.

Häufig folgt ein Versprechen: Therapie, Entzug, endlich Veränderung, genau in dem Moment, in dem die Trennung real wird. Das kann ernst gemeint sein. Es kann auch die Angst vor dem Verlust sein, die für einen Moment lauter ist als die Sucht selbst.

Der Unterschied zeigt sich in Handlung über Zeit. Ein Beratungstermin, den dein:e Partner:in tatsächlich wahrnimmt. Eine Entzugsklinik, in der er:sie tatsächlich ankommt. Mehrere Wochen, in denen sich etwas wirklich verändert.

Manchmal kommen auch Vorwürfe: dass du dein:e Partner:in im Stich lässt, ausgerechnet in dem Moment, in dem die Not am größten ist. Das trifft genau die Schuldgefühle, die schon vor der Trennung da waren. Es macht deine Entscheidung deshalb nicht falscher.

Halte an dem fest, was dich zu diesem Schritt gebracht hat. Schreib es dir notfalls auf, für die Momente, in denen die Erinnerung verblasst.

Wann du dir Hilfe holst

Vieles davon lässt sich allein durchdenken. Manches nicht.

Wenn du merkst, dass du seit Monaten im selben Kreislauf steckst, gehen wollen und bleiben, ist das ein guter Moment für eine eigene Therapie. Sie hilft dabei, wieder klar zu sehen, was du willst und was du kannst, unabhängig davon, was mit deinem Gegenüber passiert.

Angehörigengruppen wie Al-Anon oder das Blaue Kreuz helfen vielen zusätzlich, gerade weil dort Menschen sitzen, die genau das schon durchgemacht haben, was du gerade durchmachst.

Und, sicherheitshalber: Wenn in eurer Beziehung Gewalt vorkommt oder du an Suizid denkst, reicht kein Ratgeber der Welt. Dann hilft sofort und kostenlos die TelefonSeelsorge, rund um die Uhr, unter 0800 111 0 111 oder 116 123.

Eine Trennung vom süchtigen Partner ist meistens ein Prozess mit vielen kleinen Schritten zurück und wieder vorwärts. Aus meiner Zeit in Suchtkliniken und der Forensik kenne ich, wie tief Sucht in Beziehungen eingreift. In der Einzeltherapie arbeite ich mit Menschen, die genau an diesem Punkt stehen, vor Ort in Köln-Nippes oder online. Wenn du merkst, dass du diesen Schritt nicht allein gehen willst, klären wir das am besten in einem ersten Gespräch.

FAQ

Was ist Sucht?

Ist eine Trennung vom süchtigen Partner richtig, auch wenn die Liebe noch da ist?

Was ist Co-Abhängigkeit, und woran erkenne ich sie bei mir?

Soll ich mein:e Partner:in zur Therapie drängen?

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für meine eigene Therapie?

Was, wenn mein:e Partner:in die Sucht nicht anerkennt?