Wenn der Mensch, den du liebst, dir nicht mehr traut
Schizophrenie und Liebe. Für Partner:innen fühlt sich das oft wie ein Widerspruch an. Du liebst einen Menschen, und dieser Mensch begegnet dir plötzlich mit Misstrauen. Er wirft dir Dinge vor, die nie passiert sind. Du bekommst in seiner Welt eine Rolle, die du nie spielen wolltest. Und irgendwann fragst du dich, wie lange du das noch durchhältst.
Ich habe mehrere Jahre in einer Klinik für Doppeldiagnosen gearbeitet, also mit Menschen, die eine Sucht und meist eine Psychose hatten. Später begegneten mir in der ambulanten Arbeit häufiger Menschen mit Psychose-Erfahrung. Dieser Text erklärt, was bei Schizophrenie und Liebe in einer Beziehung passiert, was Partner:innen hilft und wo ich dich begleiten kann.
Kurzer Überblick:
Schizophrenie und Liebe: Wenn dein:e Partner:in dir nicht mehr vertraut
Bei der paranoiden Schizophrenie steht das Misstrauen im Zentrum. Betroffene fühlen sich verfolgt, beobachtet oder bedroht. Dieser Verfolgungswahn richtet sich irgendwann auch auf die Menschen, die am nächsten dran sind.
Aus meiner Arbeit weiß ich, dass Partner:innen genau das am schwersten trifft. Das Vertrauen, das eure Beziehung getragen hat, ist auf einmal weg. Du kannst in die Wahnstruktur eingebaut werden, ohne etwas getan zu haben.
Oft misstraut der erkrankte Mensch seinem ganzen Umfeld. Nur noch wenige kommen an ihn heran, manchmal niemand. Die haltlosen Vorwürfe treffen dann gerade die, die helfen wollen. Also auch dich.
Dazu kommen häufig Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, und jedes Mal die Frage, wie es danach weitergeht.
Du gibst dir Mühe, und die Mühe wird dir vorgeworfen. Das kränkt, auch wenn du weißt, dass die Krankheit spricht. Beides darf gleichzeitig stimmen.
Gefühlskälte: Liebt er oder sie mich noch?
Manchmal kommt nach dem Misstrauen die Stille. Die Wahnvorstellungen treten zurück, und dein:e Partner:in ist trotzdem schwer zu erreichen. Die Gefühle sind flach. Er oder sie zieht sich zurück, wirkt niedergeschlagen und teilnahmslos.
Fachleute sprechen von Negativsymptomen. Gemeint sind Gefühlsarmut, Apathie und gedrückte Stimmung. Sie gehören zur Erkrankung.
Für dich fühlt sich das an wie Kälte. Du redest, und es kommt wenig zurück. Du fragst dich, ob da noch etwas ist. Ob dein:e Partner:in dich noch liebt.
Ob dein:e Partner:in dich liebt, verrät dir die Flachheit der Gefühle nicht. Die Krankheit dämpft die Gefühle. Was du sonst als Zuneigung erkennst, Wärme, Interesse, Zärtlichkeit, erreicht dich dadurch seltener.
Sexualität und Nähe
Auch die Sexualität verändert sich. Zur Negativsymptomatik kann ein Verlust der Lust gehören. Manchmal kommt dazu, dass der erkrankte Mensch sich gehen lässt und die Körperpflege nachlässt. Für dich als Partner:in wird Nähe dadurch schwerer.
Auch Medikamente können die Sexualität beeinflussen. Antipsychotika können das sexuelle Interesse, die Erregung und den Orgasmus stören. Die Präparate unterscheiden sich darin. Sexuelle Nebenwirkungen sind ein häufiger Grund, warum Betroffene ihre Tabletten absetzen, und das erhöht das Rückfallrisiko. Sprecht das bei der behandelnden Ärztin oder dem Arzt an, bevor jemand die Medikamente allein weglässt.
Nach einer psychotischen Episode fehlt oft das Vertrauen, und Nähe fällt schwer. Bei dir sind die Verletzungen noch frisch. Du sollst einem Menschen nah sein, der dich vor Kurzem beschuldigt hat. Beides darf Zeit brauchen.
Wenn euch das Thema belastet, kann auch eine Sexualtherapie ein Ort dafür sein.
Wenn aus Augenhöhe Pflege wird
Mit der Zeit verschieben sich die Rollen, zumindest wenn die Erkrankung chronifiziert ist. Du wirst mehr und mehr in die Rolle der Pflegeperson gedrängt. Du kümmerst dich, du achtest auf Anzeichen, du trägst Verantwortung für Dinge, die früher jeder für sich trug.
Damit geht die Augenhöhe verloren, und mit ihr oft die Leidenschaft. Wer versorgt und wer versorgt wird, begegnen sich anders als zwei Menschen, die einander wollen.
Diese Rolle entsteht Schritt für Schritt, meist ohne dass ihr sie beschlossen hättet. Ein Unterstützernetzwerk kann dir einen Teil davon abnehmen. Dazu weiter unten mehr.
Wenn der Mensch, den du kanntest, verschwindet
Manchmal bleibt die Genesung aus. Dann verändert sich der Mensch, den du kanntest, Stück für Stück. Irgendwann fragst du dich, ob es ihn in dieser Form noch gibt.
Du trauerst um jemanden, der körperlich noch da ist, doch dessen alte Persönlichkeit verschwindet. Das darf so heißen: Trauer.
Eine akute Erkrankung lässt sich meistens gut behandeln. Etwa 20 Prozent der Betroffenen erleiden nur eine Krankheitsphase. Etwa zwei Drittel erleben mehrere Phasen, die vollständig oder teilweise wieder abklingen. Bei 5 bis 10 Prozent bleiben die Beschwerden dauerhaft. Und selbst nach langjährigen, ungünstigen Verläufen kann es später noch zu einer deutlichen Verbesserung kommen. Die Zahlen sagen dir nicht, wo dein:e Partner:in steht. Sie zeigen, wie unterschiedlich Verläufe sind.
Und wenn die Beziehung nicht mehr trägt?
Irgendwann kann die Frage kommen, ob eure Beziehung noch trägt. Du darfst sie stellen. Die Antwort hängt davon ab, wie es deinem:deiner Partner:in geht, was ihr noch teilt und was du noch tragen kannst. Ein Artikel kann sie dir nicht abnehmen. Besprich sie mit jemandem, der nicht selbst in der Situation steckt, etwa in einer Beratung oder Therapie.
Was einen Rückfall auslösen kann
Eine Psychose kehrt häufig zurück. Oft lässt sich ein Auslöser finden.
Rückfälle passieren häufig, weil Betroffene die Nebenwirkungen als zu stark erleben und die Medikamente deshalb absetzen. Dies erhöht das Risiko auf einen erneuten psychotischen Schub und eine mögliche Chronifizierung natürlich ungemein.
Dazu kommen Belastungen von außen, etwa der Verlust von Angehörigen, Prüfungen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder ständige Konflikte in der Familie. Auch positiver Stress kann eine Psychose erneut auslösen, zum Beispiel eine Hochzeit oder der Umzug in eine gemeinsame Wohnung. Das gilt ebenso für sozialen Stress wie einen Arbeitgeberwechsel. Für dich als Partner:in heißt das: Viele Schritte, die eine Beziehung voranbringen, sind zugleich Stress.
Wenn Sucht dazukommt
In der Klinik für Doppeldiagnosen habe ich mehrere Muster immer wieder erlebt. Menschen konsumierten, um sich besser zu fühlen, und dachten dabei nicht mehr an die langfristigen Folgen. Nach kurzer Zeit waren sie wieder in der Psychose.
Andere konnten sich nicht von Kontakten abgrenzen, die ein Eigeninteresse am Konsum der betroffenen Person hatten.
Wieder andere litten so sehr unter der Negativsymptomatik, dass sie hofften, die Symptome mit Suchtmitteln kurzfristig zu lindern.
Wenn Sucht in eurer Beziehung eine Rolle spielt, findest du im Artikel zur Trennung vom süchtigen Partner weitere Einordnung.
Woran du einen Rückfall früh erkennst
Als Partner:in kennst du deinen Menschen am besten. Diese Zeichen können auf einen Rückfall hinweisen:
- Heimlichtuerei
- Seltsame Ideen tauchen wieder auf, oder magisches Denken (die Überzeugung, mit Gedanken Ereignisse beeinflussen zu können)
- Er oder sie wirkt anders als sonst, manchmal lebendiger, manchmal einfach verändert
- Konzentrationsprobleme verstärken sich
- Der Rückzug nimmt zu
- Es fallen Sätze, die du nicht verstehst oder die ohne Zusammenhang wirken
- Der Schlafrhythmus verändert sich
Ein einzelnes Zeichen kann harmlos sein. Wenn sich mehrere häufen, sprich früh mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt oder mit dem sozialpsychiatrischen Dienst.
Schizophrenie und Liebe: Was dir jetzt helfen kann
Die Erkrankung verstehen
Das Misstrauen, die Vorwürfe und der Rückzug gehören zur Erkrankung. Nichts davon ist persönlich gemeint. Dein:e Partner:in kann die Situation im Moment nicht realistisch einschätzen. Die Kränkung bleibt. Zu wissen, woher sie kommt, hilft dir bei der Einordnung.
Ein Unterstützernetzwerk aufbauen
Freunde und Familie, medizinische Einrichtungen, eine rechtliche Betreuung, der sozialpsychiatrische Dienst: Je mehr Menschen und Stellen Bescheid wissen, desto weniger hängt an dir allein. Bleib nicht mit den Problemen allein und komm raus aus der Isolation.
Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen berät telefonisch beim SeeleFon (0228 71002424) und vermittelt über das Selbsthilfenetz Psychiatrie Gruppen in deiner Nähe.
Einen eigenen Ort für deine Gefühle finden
Du brauchst einen Ort, an dem du deine Gefühle loswerden kannst. Das kann ein Freund sein, eine Selbsthilfegruppe oder eine Therapie. Wichtig ist, dass du dort nicht erklären musst, warum du wütend, erschöpft oder traurig bist.
Wann du sofort Hilfe brauchst
Wenn Schizophrenie und Liebe zusammen kommen, gibt es Situationen, die nicht warten können. Das gilt, wenn dein:e Partner:in sich selbst oder andere gefährdet oder wenn du dich bedroht fühlst. Dann wähle den Notruf 112 oder die Polizei unter 110.
Tagsüber erreichst du die behandelnde Fachärztin oder den behandelnden Facharzt und den sozialpsychiatrischen Dienst deiner Stadt. Nachts und am Wochenende hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117. In Köln sind außerdem die Ambulanzen der psychiatrischen Fachkliniken rund um die Uhr besetzt.
Wenn du selbst gerade nicht mehr weiterweißt und mit jemandem reden möchtest, ist die TelefonSeelsorge kostenfrei erreichbar: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
Wie ich dich begleiten kann
Oft steckt oft eine große Hilflosigkeit in der Beziehung. Du siehst, dass es wieder losgeht, und weißt nicht, was du tun kannst. Einen Umgang damit zu finden ist ein großer Teil meiner Arbeit mit Angehörigen. Dazu gehört zu erkennen, wo deine persönlichen Grenzen liegen und wann du selbst Hilfe brauchst.
Wir erarbeiten gemeinsam einen Fahrplan für den Fall, dass es wieder losgeht, einen Krisenplan. Dabei klären wir zum Beispiel:
- wer angerufen werden kann, wenn die Psychose wieder ausbricht
- ob deine Angehörige oder Freunde vorbeikommen können, um deine:n Partner:in zu etwas zu bewegen
- ob sich ein Code oder eine Notfallstrategie vereinbaren lässt, die ihn oder sie zum Arzt oder in die Psychiatrie bringt
Dein Unterstützernetzwerk beziehen wir dabei ein.
Ich biete dir drei Wege an: Begleitung für dich allein, Gespräche als Paar, in denen ihr einen gemeinsamen Umgang mit der Erkrankung findet, und Gespräche mit dem erkrankten Menschen über seine oder ihre Beziehung.
Eine akute Psychose gehört in psychiatrische Behandlung. Ich arbeite mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt zusammen. Ich arbeite privat und auf Kostenerstattung, vor Ort in Köln-Nippes und online. Wenn du dir Unterstützung wünschst, kannst du dich für ein Erstgespräch melden.
Häufige Fragen zu Schizophrenie und Liebe
Sind Menschen mit Schizophrenie beziehungsunfähig?
Nein. Schizophrenie und Liebe schließen sich nicht aus: Menschen mit Schizophrenie können lieben und Beziehungen führen. Schwer wird es durch das Misstrauen, den Rückzug und die Gefühlsarmut, die ich oben beschrieben habe. Wie viel davon in eurer Beziehung Platz einnimmt, kann sich mit dem Verlauf der Erkrankung ändern.
Kann eine Beziehung mit einem an Schizophrenie erkrankten Menschen gelingen?
Ja. Sie ist fordernd, aber möglich. Ob sie gelingt, hängt vom Verlauf der Erkrankung ab, von der Behandlung und davon, wie viel Unterstützung ihr habt. Stabilisierend wirken ein offener Umgang mit der Diagnose, feste gemeinsame Routinen und ein Krisenplan für den Fall eines Rückfalls.
Ist Liebeswahn ein Symptom von Psychose?
Er kann es sein. Beim Liebeswahn ist ein Mensch fest überzeugt, von einem bestimmten anderen Menschen geliebt zu werden. Meist tritt er im Rahmen anderer psychischer Erkrankungen auf, vor allem bei einer paranoiden Psychose. Er kann auch als eigenständige wahnhafte Störung vorkommen. Wenn du einen Liebeswahn bei deinem:deiner Partner:in vermutest, sprich es bei der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt an.
Wie verhalte ich mich, wenn mein:e Partner:in eine Psychose hat?
Bleib ruhig. Versuche nicht, die Wahnvorstellungen auszureden. Das führt schnell in einen Konflikt und kann das Misstrauen verstärken. Interessiere dich für das, was dein:e Partner:in wahrnimmt und erlebt. Vermeide Konflikte, Streit und Vorwürfe. Lenke das Gespräch auf gesunde Anteile oder neutrale Themen. Wenn die Situation kippt, findest du die Notfallnummern im Abschnitt „Wann du sofort Hilfe brauchst“.