Können Drogensüchtige lieben? Wenn du diese Frage nachts in die Suchmaschine tippst, hast du vermutlich schon eine Ahnung, was die Antwort ist. Und du traust ihr nicht.
Meine Antwort: Ja, sie können lieben. Aber die Sucht hat Vorrang.
Ich habe mehrere Jahre in einer Klinik für Menschen mit Sucht und Psychose gearbeitet und dort viele Beziehungen aus der Nähe erlebt. In diesem Artikel geht es darum, was von der Liebe bleibt, wenn Drogen im Spiel sind, und was das für dich bedeutet.
Kurzer Überblick
Können Drogensüchtige lieben? Ja, aber die Sucht kommt zuerst
In einer Sucht können Gefühle echt bleiben: Zuneigung, Sehnsucht, auch die Angst, dich zu verlieren. Was sich verschiebt, ist die Rangfolge.
Drogen greifen direkt in das Belohnungssystem des Gehirns ein. Mit jedem Konsum lernt es: Das hier ist überlebenswichtig. Irgendwann steht das Suchtmittel über allem anderen. Über dem Job, über Freundschaften, oft über der eigenen Gesundheit. Und eben auch über dir.
Ist Sucht stärker als Liebe? Solange die Abhängigkeit aktiv ist, meistens ja. Wie viel du deinem:deiner Partner:in bedeutest, lässt sich daran kaum ablesen. Die Droge entscheidet inzwischen fast überall mit, auch darüber, wer Zeit, Geld und Aufmerksamkeit bekommt.
Für dich ist das eine schwierige Mischung. Die Liebe kann da sein, und trotzdem kannst du dich nicht auf sie verlassen.
Was Drogen mit Gefühlen machen
Im Rausch wirken Gefühle oft größer, als sie sind. Kokain, Amphetamine oder MDMA fluten das Gehirn mit Botenstoffen. Nähe fühlt sich dann intensiv an, manchmal überwältigend. Am nächsten Morgen kann davon wenig übrig sein.
Andere Substanzen dämpfen. Alkohol, Opioide oder Beruhigungsmittel legen eine Decke über Angst und Schmerz, und damit über fast alles andere. Wer betäubt ist, spürt weniger. Auch dich.
Bei dauerhaftem Konsum verschiebt sich mehr. Das Gehirn gewöhnt sich an die künstliche Überreizung. Ein Abendessen zu zweit, ein Spaziergang, Sex ohne Substanz: Das alles verliert an Reiz. Mit der Zeit fällt es schwerer, die Gefühle anderer zu lesen, manchmal auch die eigenen.
Können Kokser lieben? Kokain und Amphetamine machen bei Dauerkonsum häufig egozentrisch, misstrauisch und reizbar. In der Klinik sah ich oft eine starke Selbstbezogenheit, über alle Substanzen hinweg. Das Leben drehte sich um den nächsten Konsum und um das eigene Befinden. Für ein Gegenüber blieb wenig Platz.
Liebe braucht ein Gegenüber. Die Sucht lässt dafür immer weniger Raum.
Warum dein:e Partner:in lügt, obwohl er:sie dich liebt
Lügen gehören zur Sucht fast immer dazu. Gelogen wird über Mengen, über Geld und darüber, wo jemand gestern Abend war. Jede Lüge hat dasselbe Ziel: den nächsten Konsum sichern.
Für dich fühlt sich das wie Verrat an, und es ist auch Verrat.
Verwirrend wird es, weil zwischen den Lügen echte Momente liegen. Ein Abend, an dem dein:e Partner:in zugewandt ist, zuhört und sich entschuldigt. Dann wieder Tage, an denen du kaum jemanden erreichst. Gerade dieser Wechsel hält dich in der Beziehung. Die guten Momente scheinen zu beweisen, dass die Liebe noch da ist.
Können Drogen die Persönlichkeit verändern? Bei langem Konsum ja, und zwar spürbar. Misstrauen, Reizbarkeit und Rückzug nehmen zu. Der Mensch, in den du dich verliebt hast, ist manchmal nur noch in Ausschnitten zu sehen.
Was ich in der Klinik von den Beziehungen meiner Patient:innen bekam ich in der Klinik einiges mit. Manche waren nach vielen Rückfällen so abgekühlt, dass ich fast Mitleid mit den Menschen bekam, der konsumierte. Ich erlebte Untreue, einfach weil sich eine Gelegenheit bot. Und ich erlebte Partner:innen, die immer wieder bereit waren, noch eine Chance zu geben. Von außen lässt sich das leicht bewerten. Von innen ist es schwer, dem Menschen, den man liebt, nicht zu glauben.
Ein Teil liebt, ein Teil ist süchtig
Können Drogensüchtige lieben, wenn die Sucht so viel entscheidet? Dafür lohnt ein Blick darauf, was Liebe ist. Ich glaube, zur Liebe gehört, sich selbst ein Stück zurückzunehmen. Genau das fällt in der Sucht immer schwerer. Mir hilft dazu ein Bild: In einem Menschen mit Sucht gibt es einen Teil, der liebt, und einen Teil, der süchtig ist. Der süchtige Teil kennt nur die Substanz.
Wie viel vom alten Ich noch da ist, hängt von mehreren Dingen ab: von der Substanz, davon, wie lange und wie viel konsumiert wird, und davon, wie weit die Sucht das Leben schon beherrscht.
Ich sah auch Eltern, die beteuerten, ihre Kinder über alles zu lieben, und die sie trotzdem vernachlässigten. Der liebende Teil meint es vielleicht ernst. Die Entscheidung trifft der süchtige.
Und manchmal meint auch der liebende Teil weniger, als er sagt. Süchtige Menschen belügen nicht nur andere, sondern auch sich selbst. „Ich liebe dich“ kann ehrlich gemeint sein. Es kann auch ein Satz sein, mit dem jemand vor sich selbst nicht wie ein Arsch dastehen will. Von außen lässt sich das oft nicht unterscheiden, manchmal nicht einmal von innen.
Für dich zählt, was bei dir ankommt. Wenn die Menschen, die jemand zu lieben sagt, immer wieder leiden müssen, haben die Worte wenig Gewicht.
Kommt die Liebe zurück, wenn der Konsum endet?
Manchmal ja. Vieles, was die Sucht verändert hat, kann sich in der Abstinenz zurückbilden: die Reizbarkeit, das Misstrauen, die emotionale Taubheit. Das braucht Zeit, oft mehr, als ihr euch beide wünscht.
In der Klinik erlebte ich Menschen, die mit dem Konsum aufhörten, um für ihre Kinder da sein zu können. Andere hörten auf, weil sie irgendwann sahen, wie viel ihr Konsum zerstört hatte. Das waren die Helden meiner Therapie.
Ich erlebte aber auch viele, die sich als Helden ausgaben. Später stellte sich heraus, dass sie über längere Zeit wieder konsumiert hatten.
Wenn du dich ausgeliefert fühlst
Heimlichkeit und Rückfälle machen hilflos. Du weißt nie genau, was stimmt. Du kannst nachfragen, kontrollieren und Hinweise sammeln und bist am Ende trotzdem darauf angewiesen, was dein:e Partner:in dir erzählt. Das kann sich anfühlen, als wärst du dem anderen ausgeliefert.
In der Therapie geht es mir ähnlich. Ich kann niemandem in den Kopf schauen. Ich bin darauf angewiesen, dass jemand mitarbeitet, und ich muss dabei oft deutlich werden.
Sucht verlangt Ehrlichkeit, vor allem sich selbst gegenüber. Ein Versprechen kostet nichts. Echte Veränderung zeigt sich über Monate: eine Behandlung, die begonnen und durchgehalten wird; ein Rückfall, den dein:e Partner:in von sich aus anspricht, bevor du ihn selbst entdeckst; Worte und Taten, die wieder zusammenpassen.
Rückfälle gehören bei Sucht oft dazu. Wie mit ihnen umgegangen wird, sagt mehr über die Beziehung als jede Liebeserklärung.
Zur eigenen Sucht stehen
Auch wer süchtig ist, muss sich etwas Schweres eingestehen. Dazu gehört, sich mit der eigenen Scham auseinanderzusetzen: über den Konsum, die Lügen und das, was die eigenen Leute aushalten mussten.
Wer aufhören will, muss zur eigenen Sucht stehen. Das heißt: einsehen, krank zu sein, und einsehen, der Sucht bis zu einem gewissen Grad ausgeliefert zu sein
Erst wenn jemand so einen Umgang mit der Sucht findet, gibt es eine echte Chance auf Genesung. Dann, so glaube ich, kann auch wieder Liebe entstehen. Süchtig bleibt der Mensch trotzdem. Die Sucht wird zu einem Teil, der dazugehört und mit dem er:sie umgehen kann. Der liebende und der süchtige Teil leben weiter nebeneinander. Nur entscheidet nicht mehr automatisch der süchtige.
Was das für dich bedeutet
Zur eigenen Sucht zu stehen, kann nur dein:e Partner:in. Du kannst es weder erzwingen noch für ihn:sie tun.
Können Drogensüchtige lieben? Ob dein:e Partner:in dich wirklich liebt, wirst du vielleicht nie sicher wissen. Du kannst niemandem in den Kopf schauen.
Hilfreicher ist eine andere Frage: Was brauchst du, und bekommst du es in dieser Beziehung? Darauf kannst du eine Antwort finden, und zwar bei dir selbst. Schau auf das, was bei dir ankommt, Woche für Woche. Ein Versprechen allein reicht dafür nicht.
Vielleicht merkst du dabei, dass du bleiben willst. Vielleicht auch, dass es Zeit ist zu gehen. Woran du das erkennst und wie du dich lösen kannst, habe ich im Artikel Trennung vom süchtigen Partner beschrieben.
Du musst das nicht allein sortieren. In Angehörigengruppen, etwa beim Blauen Kreuz oder bei einer Suchtberatungsstelle in deiner Nähe, triffst du Menschen, die dasselbe erlebt haben. Eine eigene Therapie kann dir helfen, wieder klarer zu sehen, was du willst.
Hinter der Frage „Können Drogensüchtige lieben?“ steckt oft eine zweite: Was ist eigentlich mit mir? In einer Beziehung mit Sucht verlierst du leicht den Blick für dich selbst. Aus meinen Jahren in einer Klinik für Sucht und Psychose kenne ich die Seite der Süchtigen gut. In meiner Praxis in Köln-Nippes oder online arbeite ich mit Menschen, die an dem Punkt stehen, an dem du vielleicht gerade bist. Ob und wie ich dich unterstützen kann, klären wir in einem ersten Gespräch.
Können Drogensüchtige Lieben? Häufige Fragen
Welche Auswirkungen haben Drogen auf die Sexualität?
Kurzfristig senken viele Drogen Hemmungen und steigern die Lust. Auf Dauer folgen häufig weniger Lust, Erektionsprobleme oder ein Körper, der ohne Substanz kaum noch reagiert. In einer Beziehung kann das heißen: intensiver Sex, aber nur nach dem Konsum, und nüchtern wenig Nähe. Irgendwann stellt sich die Frage, mit wem du da eigentlich schläfst, mit deinem:deiner Partner:in oder mit dem Rausch. Wenn dich das belastet, kann ein Gespräch in der Sexualtherapie helfen.
Wie gehe ich am besten mit einem drogenabhängigen Partner um?
Sprich Probleme an, wenn dein:e Partner:in nüchtern ist, und beschreib, was du beobachtest, ohne Diagnosen zu stellen. Vertusch nichts für ihn:sie, zum Beispiel beim Arbeitgeber. Und kündige nur Konsequenzen an, die du auch umsetzt. Mehr dazu, auch zur Frage, wann es Zeit ist zu gehen, findest du in meinem Artikel über Co-Abhängigkeit und Trennung.
Kann ich auch ohne meine:n Partner:in in Therapie kommen?
Ja. In der Therapie geht es dann um dich: was dich in der Beziehung hält, was du brauchst und wie du mit Heimlichkeit und Rückfällen umgehst. Ich arbeite mit Privatpatient:innen und Selbstzahler:innen. Was eine Sitzung kostet, findest du auf der Seite Honorar, alles Weitere klären wir im Erstgespräch.